1. Was ist Weihnachten?

Neulich erhielt ich in der Innenstadt ein kleines Faltblatt in die Hand gedrückt, eine Schrift über den "wahren Sinn von Weihnachten". Darin heißt es:

"Weihnachten weist auf das große Geschenk hin, das Gott uns anbietet: die Begleichung unserer Schuld, die Vergebung unserer Sünden. Unsere Schuld vor Gott können wir durch eigenes Bemühen niemals abtragen oder wieder gutmachen. Unsere Schuld trennt uns von Gott, und das nicht nur in unserer Lebenszeit, sondern in alle Ewigkeit. Das große Geschenk, das Gott uns anbietet, ist die Begleichung unserer Schuld, die Vergebung unserer Sünden. Er möchte uns von dem Urteil der ewigen Trennung von Gott und der ewigen Verdammnis befreien. Er möchte uns zu seinen Kindern, zu Erben seines Reiches machen. Darum sandte er seinen Sohn, Jesus Christus, auf die Erde.

Um die Menschen von ihren Sünden zu retten, nahm Jesus stellvertretend ihre ganze Schuld auf sich, und Gott akzeptierte und bestätigte sein Opfer, indem er ihn von den Toten auferweckte. Jesus tritt als Fürsprecher für jeden ein, der durch ihn zu Gott kommen möchte. Er vergibt alle Verfehlungen. Doch sollten wir nicht dabei stehen bleiben, sondern uns ihm anvertrauen und ihm die Herrschaft über unser Leben übergeben. Nachdem wir diesen Schritt getan haben, sollten wir Jesus dafür danken, dass er für unsere Schuld gestorben ist, uns vergeben und ein neues, ewiges Leben geschenkt hat. Dieses Geschenk, das er uns anbietet, ist das beste Geschenk, das es überhaupt gibt."

Das alles hat jeder irgendwann einmal gehört. Es ist nichts Neues. Aber was können wir damit anfangen? Wir sind also sündig für alle Zeit und Ewigkeit und können selbst nichts daran ändern. Aber Jesus hat uns durch sein stellvertretendes Opfer vor ewiger Verdammnis gerettet. Dadurch sind wir Kinder Gottes und Erben seines Reiches geworden. Dafür sollten wir Jesus danken und ihm unser Leben übergeben. Was bedeutet dies alles in der Praxis?

Die Fragen:

  1. Warum hat Gott die Menschen von vornherein als Sünder erschaffen?
  2. Warum kann der Mensch durch kein noch so großes Bemühen diesen Zustand aufheben?
  3. Warum ist Gott plötzlich anderen Sinnes geworden, da er uns von seinem ursprünglichen Urteil von der ewigen Verdammnis befreien will? Warum plötzlich will er uns zu Kindern und Erben seines Reiches machen? Sieht er seinen Fehler ein?
  4. Wieso konnte aber ein Opfertod dies grundlegend verändern? Verlangt es Gott grundsätzlich nach einem Opfer, hat er deshalb seinen Sohn Jesus dazu überredet und warum ließ dieser sich dazu überreden?
  5. Warum soll Jesus anstelle von Gott alle Schuld vergeben und die Menschen damit in einen neuen Rang erheben?
  6. Was bedeutet es überhaupt, Kinder Gottes und Erben seines Reichs zu sein?
  7. Wie denn übergibt man Jesus sein Leben, was hat man da zu tun?

Dies sind durchaus berechtigte Fragen eines denkenden Menschen des 21. Jahrhunderts. Sie klingen in den Ohren zunächst einmal himmelschreiend ketzerisch, doch müssen sie gestellt werden. Frühere Menschen konnten sich noch keine eigenen Gedanken machen und stimmten daher bereitwillig oder auch zögernd dem zu, was andere gedacht oder gesagt hatten. Sie brauchten die Führung derer, die den nötigen Durchblick hatten.

Die Menschen der heutigen Zeit haben durch Schulen und andere Bildungsstätten einen ganz anderen Entwicklungsstand erreicht und sind daher in der Lage, sich abseits der allgemeinen oder öffentlichen Meinung eigene Gedanken und Vorstellungen zu bilden. Auch hat ihre Gedankenwelt deshalb an Umfang zugenommen, da heute der Zugang zu Informationen aller Art ein Leichtes ist.

Religion begleitet die Menschheit seit ihren Ursprüngen, und ihre Führer, Priester oder Religionsstifter boten ihr stets dasjenige der großen Wahrheit als Lebensgrundlage, das ihrem Entwicklungsstand angemessen und dem weiteren Weg dienlich sein konnte. So entstanden auch die heutigen großen Religionen. Sie alle werden eines Tages abgelöst werden durch eine andere Form der Religion, eine Form, die dem aktuellen Verständnis der Menschen angepasst ist. Der Kern, die Eine Wahrheit, bleibt dabei unverändert dieselbe. Jedes Zeitalter stellte demgemäß das in den Vordergrund, was begriffen werden sollte und auch konnte.

Welches Anliegen hat nun das Christentum an den Menschen, was lehrt es?

Die Antworten:

1.
"Sünde" kommt von "ab-sondern". Absonderung trennt von Gott, von der großen Einheit des Lebens. Jegliche Absonderung ist daher "Sünde" und Trennung von Gott. Die sog. "Erbsünde" des Menschen besteht also darin, dass er von Gott als Einzelwesen erschaffen wurde, getrennt von der ursprünglichen Einheit.

2. und 3.
Die Welt zeigt sich von vornherein immer von zwei Seiten, das naturgemäße Ergebnis der Schöpfung. Wo ein Schöpfer ist, gibt es auch die Schöpfung – ein Ich und ein Nicht-Ich sozusagen. Geistige Absicht erschafft Dinge, Formen, Materie. Die Welt ist daher dual, was sich auf den materiellen Ebenen als Polarität auswirkt. Dadurch ist es dem Denken möglich, Dinge von zwei Seiten her zu betrachten, die gemeinsame, ihnen eigene Qualität zu verstehen und so wieder als Ganzes zu sehen. Nur durch Denken können Gegensätze verstanden und damit überwunden werden, nur mit Hilfe des Denkens kann die Einheit gefunden werden.

Absonderung, Sünde, liegt also der ganzen Schöpfung zugrunde und kann auf der offenbarten, erschaffenen Ebene daher nicht überwunden werden. Formen können sich nur vereinen, um neue Formen entstehen zu lassen – siehe die Sexualität im Menschen-, Pflanzen- und Tierreich.



Natürlich gibt es davon abgesehen auch die persönliche Absonderung des Menschen. Aus Unwissenheit um die Gesetze der Anziehung und des Ausgleichs treibt ihn sein persönliches Wollen und Wünschen in die Absonderung von der Ganzheit des Lebens. Im Lauf der Zeit wird er jedoch von eben diesen Gesetzen gezwungen, die Unausgewogenheit wieder auszugleichen. Kein strafender Gott veranlasst dies – es sind die Gesetze Gottes, die ununterbrochen wirksam sind und die ganze Schöpfung lenken.

(Die Welt entstand aus Gottes Energie und Kraft, aus ihm selbst, aus seinen Eigenschaften. Somit besteht alles, was ist, ebenfalls aus dieser göttlichen Energie. Die Welt ist Gott, und Gott ist die Welt. Und alles Erschaffene ist göttlich und will sich wieder mit seinem Schöpfer vereinen (der überall verspürte Drang nach Harmonie, nach Schönheit und "Glück"). Da Gott als seine Schöpfung "anwesend" ist, sind auch alle göttlichen Eigenschaften präsent. Sie wirken sich als seine Gesetze aus. Ein Gesetz ist der Ausdruck einer Energie, die stets vorhanden ist – oder anders gesagt: Eine stets vorhandene Energie drückt sich als Gesetzmäßigkeit aus.)



Wenn Materie sich mit Geist vereinen will, muss sie ihre Schwingung in einem langen Prozess so verfeinern, bis sie mit der geistigen Schwingung übereinstimmt. Das ist der Evolutionsprozess, und das ist es, was Religion im Grunde beabsichtigt: den Menschen zu führen, bis er wieder mit seinem "Vater" eins wird, doch ihm dabei stets seinen freien Willen zu belassen.

Daher wurde der Mensch mit den drei göttlichen Eigenschaften seines Vatergottes begabt: mit Willen, Liebe-Weisheit und mit Tätiger Intelligenz. Im Menschen spiegeln sich diese Drei wider als Denken, Empfinden und Handeln. Der Mensch ist somit ein schöpferisches Wesen wie Gott – der Veranlagung nach und erst in den Anfängen.


Gott ist eins und gleichzeitig dreifach. Da wir als seine kleine Widerspiegelung ebenso konstruiert sind, können wir nachvollziehen, wie das ist, eine dreifache Einheit zu sein. Wir sind die Einheit Persönlichkeit und haben dreierlei Fähigkeiten: Wir besitzen einen Willen, wir können fühlen und empfindend wahrnehmen, und wir können entsprechend handeln.

Bislang benutzte der Mensch seine schöpferische Fähigkeit, um die materielle Welt zu gestalten, um Dinge zu erschaffen, die dem Menschen nützlich sind oder ihn erfreuen und zerstreuen. Mittlerweile gibt es von all dem zu viel, da wir noch nicht begriffen haben, dass materieller Fortschritt nur unendliche Vielfalt hervorbringt, doch niemals wirkliche Befriedigung, und niemals wirklich sättigen kann.

Die Menschen fühlen, dass ihnen etwas fehlt, doch können sie den Grund nicht finden. Das Leben wird immer mehr sinnentleert. Es entfernt sich mehr und mehr von dem Punkt, an dem man sich geborgen fühlen und entspannen kann. Auf der Suche danach stürzen sich die Menschen in immer neue Aktivitäten, erwerben Dinge, von denen sie erhoffen, dass sie ihre Sehnsucht stillen können. Doch bleibt die Suche vergebens – sie führt letztendlich in Verzweiflung und Krankheit.

Was geschieht in Wirklichkeit? Der Mensch kennt nur seine materielle Welt. Die Religion bietet ihm einen Gott an, der ihn bis in alle Ewigkeit verdammt und dazu noch einen Retter, dem er blindlings vertrauen soll – das erscheint ihm nicht allzu verlockend. Und was bieten ihm Wissenschaft, Philosophie und Psychologie? Sie erklärten bislang die Vorgänge in der Natur und trugen viel bei zum Verständnis von Welt und Mensch. Sie machten großartige Entdeckungen zum Nutzen aller, und immer weiter dringen sie vor in Bereiche, die sich mehr und mehr von der grobstofflichen Welt unterscheiden.

Es scheint, dass die Wissenschaft der Menschheit das präsentieren könne, was die Religion nicht mehr in der Lage ist, ihr zu geben: das dringend benötigte Bindeglied zwischen der materiellen und der geistigen Welt. Ihr ernstes Forschen wird letztendlich sichtbar machen, dass es viele verschiedene Zugangswege zum Geheimnis des Lebens gibt, denn ebenso wie die einzelnen Auslegungen der Religionen sind auch alle Zweige der Wissenschaft nur Teilansichten des ganzen Schöpfungsgefüges.

Man könnte Religion als die Wissenschaft beschreiben, die dem Menschen als erste nahegebracht wurde und ihr dadurch am besten vertraut ist. Sie wandte sich in ihren Anfängen zuerst an die Gefühlswelt des Menschen, denn das Denkvermögen entwickelte sich erst viel später. Wie weiter oben festgestellt wurde, lassen sich mit Hilfe des Denkens Gegensätze überwinden und vereinen. Doch Denken und Religion? Religion war zwar bislang eine Sache des Gefühls, doch inzwischen ist der Mensch ein Denker geworden, der unterscheiden, verstehen und erkennen kann.

Denkfähigkeit ist eine Auswirkung des zweiten Aspektes der göttlichen Dreiheit, des Sohnes, der Liebe-Weisheit ist und Bewusstsein. Ist es nicht diese verbindende, anziehende und in Beziehung bringende Eigenschaft, die Jesus immer wieder betonte? "Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen?" Sendet Gott nicht Jesus als diese sichtbar gewordene Eigenschaft, dieses erlösendes Mittel, das Mensch und Gott wieder verbinden, das die Dualität überwinden und den Menschen, den verlorenen Sohn, wieder heimbringen kann?

Und es ist genau dieser Punkt, den die Menschen bis heute noch nicht richtig verstanden haben. Der "Sohn" ist in Wirklichkeit Gottes Eigenschaft der Liebe-Weisheit, das "geistige Kind", das beim Schöpfungsprozess entstand. Jesus wurde zum Vorbild für die Menschen, weil er der vollkommene Ausdruck dieser Eigenschaft war, doch wurde und wird der Akzent auf ihn und sein Leben gelegt, anstatt auf die Energie oder Eigenschaft, auf die er mit seinem Leben aufmerksam machen wollte und die er als Persönlichkeit repräsentierte. Und so wie er es tat, soll auch der Mensch durch eigene Anstrengung zum lebenden Ausdruck dieser Christus-Energie und damit erst der wirkliche Sohn Gottes werden.

4.
Wir kommen nun zu einer anderen Geschichte, denn das Geschehen, das in der Bibel geschildert wurde – die ganze Lebensgeschichte von Jesus – kann wohl als historische Tatsache gelten, wichtiger jedoch ist, dass sie uns ein Symbol gibt vom Entwicklungsweg aller Menschen. Und wir wissen, dass die Bibel voller "Gleichnisse" und symbolhafter Aussagen ist, da auch geschrieben steht, dass Jesus die Masse mit bildhaften Geschichten belehrte, seine Jünger aber abseits der Vielen mit tieferem Inhalt vertraut machte.

Aus dieser Sicht betrachtet, kann gesagt werden: Jesus starb am Kreuz, das heißt, sein materieller Körper starb. Er selbst, der geistige Kern, der wirkliche Sohn Gottes, lebte weiterhin und lebt noch. Das bedeutet, dass die materielle Form "sterben" muss, wenn sie sich mit ihrem geistigen Inhalt, der Seele, vereinigen will. (Damit ist nicht der Tod des Körpers am Ende eines Lebenszyklus' gemeint, denn die Zellen eines physischen Körpers sind nun einmal nur eine bestimmte Zeit lang lebensfähig.)

Gemeint ist hier diejenige materielle Form des Menschen, welche sich im Lauf des Lebens durch Erfahrungen, Vorstellungen und Vorlieben entwickelte und mit der sich der Mensch identifiziert, nämlich seine Persönlichkeit. Dies alles lässt dem geistigen Kern keinen Raum zur Äußerung und verhindert gleichzeitig das Weiterwachsen des Menschen. Darum ist es nötig, den Charakter zu verfeinern, Denken und Emotionen zu beherrschen und damit gleichzeitig allen Atomen des physischen Körpers eine höhere Schwingung aufzuprägen. Der Mensch wird durch seine eigene geistige Entwicklung zum Entwicklungshelfer für die Materie, zum Erlöser der Welt in den Fußstapfen von Jesus Christus.

Wenn Materie so weit verfeinert ist, dass sie mit den Schwingungen der geistigen Ebenen übereinstimmt, geht sie in diese über, wird Geist. Sie wächst in sie hinein, so wie ein Kind allmählich in das Bewusstsein eines Erwachsenen hineinwächst und das Kindsein hinter sich lässt. Es ist die Gesetzmäßigkeit der Schöpfung, dass eins dem anderen dient, sich "opfert" um dessen Weiterentwicklung willen. So opfert der Mensch sein Persönlichkeitsbewusstsein, damit er auf diesem Wege den materiellen Atomen seiner Körperhüllen und der Materie im Allgemeinen zum Fortschreiten verhelfen kann.

5.
Jesus Christus erlöst den Menschen von aller Schuld, sagt die Heilige Schrift. Die Aussage als Symbol verstanden, bedeutet: Die Schrift meint eigentlich damit, dass die Eigenschaft des Sohn-Aspektes der göttlichen Dreiheit alle Gegensätze zur Einheit verbindet und damit jede weitere Möglichkeit zur Ab-Sonderung, zur Sünde, ausschließt.

6. und 7.
Zum wirklichen Sohn Gottes, dem Geistigen Menschen, der er in Wahrheit ist, wird der Mensch erst dann, wenn er Liebe-Weisheit (den Sohn-Aspekt, das Christus-Bewusstsein) in sich zur Vollendung entwickelt hat und in seinem Leben zum Ausdruck bringt. Durch seine über lange Zeit hindurch erworbenen Erfahrungen auf allen Daseinsebenen bewusst handlungsfähig geworden, kehrt er dann wieder zurück zu seinem Ausgangsort, zu "seines Vaters Haus".

ZUSAMMENFASSEND:
Der Mensch wurde mit Selbst-Bewusstsein begabt, er besitzt ein unterscheidendes Ich, er kann denken und urteilen. Er soll aus eigener Entscheidung und mit eigenem Willen über die irdische Welt hinauswachsen, er soll ihre Möglichkeiten erfahren und ausschöpfen, sie handhaben lernen und weitergehen. Wohin? Den Leitfaden hierzu gab uns der Meister Jesus mit seinem Leben, mit den anschaulich geschilderten Stationen von der "Geburt" des Christusbewusstseins bis zur "Himmelfahrt", den Entwicklungsstufen des Bewusstseins auf dem Erdenplan.

Das Weihnachtsgeschehen mit Lichterbaum und Krippenkind erinnert uns daher an den Beginn der Menschen-Entwicklung, als das Christusbewusstsein, das Licht der Seele, das Ich im Menschen geboren wurde.