NAHTOD-ERFAHRUNGEN

Auszug aus: Silvia Cranston/Cary Williams, Leben und Werk der H. P. Blavatski,
Seiten 631 bis 652

Die traditionsreiche amerikanische Illustrierte Life brachte im März 1992 als Titelgeschichte eine Reportage über Nah-Todeserfahrungen: »Am Rande der Ewigkeit«, mit dem Untertitel »Wissenschaftliche Forschungen über die Bedeutung von Nah-Todeserfahrungen können zu einem besseren Verständnis über den Sinn des Lebens führen«. Life schreibt:

"Schon immer gab es in der Geschichte Menschen, die von der Grenze des Todes ins Leben zurückkehrten mit Visionen, die eine frappierende Ähnlichkeit aufweisen. Aber erst seit 1975 sind Nah-Todeserfahrungen zum Massenphänomen geworden, zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und öffentlich ausgetragener Kontroversen. Ende 1975 veröffentlichte der Psychiater Raymond Moody sein Buch Leben nach dem Tod. Es war das erste kommerziell verlegte Buch, das eine Zusammenstellung von typischen Nah-Todeserfahrungen enthielt. Seither wurden über sieben Millionen Exemplare (in Deutschland ca. eine halbe Million) verkauft. Es rief praktisch eine eigene Industriebranche ins Leben. Mittlerweile hat die zunehmend offen geführte Diskussion über diese Visionen die Einstellung der Öffentlichkeit zum Sterben verändert."

Wo einst nur wenige Spezialisten recherchierten, sind es nun weltweit Dutzende: Ärzte, Psychologen, Soziologen, Anthropologen, Biologen, Philosophen, Theologen, Parapsychologen, Medien, Schamanen, Yogis, Lamas und nicht wenige Journalisten. Es gibt die Fachzeitschrift Journal of Near-Death Studies und die Internationale Gesellschaft für Nah-Todesforschung. 1975 hatte Moody nicht mehr als etwa 50 Personen mit Nah-Todeserfahrungen befragen können, heute schätzt man aufgrund von Umfragen, dass über acht Millionen Amerikaner Nah-Todeserfahrungen hatten. Mittlerweile hat man weit über tausend Nah-Todesberichte zusammengetragen, sortiert und statistisch verarbeitet.

Life erwähnt zwei besonders faszinierende Fälle:

"Im Alter von 22 Jahren brach Kimberley Clark Sharp vor der örtlichen Kfz-Zulassungsstelle in Kansas zusammen und lag, dem Tod nahe, auf dem Bürgersteig.

»Ich war umgeben von einem dichten, warmen, nebligen, grauen Material. In diesem Nebel konnte ich einzelne Tröpfchen von durchdringender Helligkeit und abgrundtiefer Finsternis sehen. Plötzlich geschah unter mir eine Explosion, und bis an die äußersten Grenzen meiner Sichtweite sah ich helles Licht. Es war absolut lebendig, in einem weit intensiveren Maße, als wir Lebendigsein empfinden. Und es war strahlend hell, heller als unsere Sonne. Dennoch tat es meinen Augen nicht weh. Es erfüllte alles ringsum, und ich befand mich im Mittelpunkt. Dieses Licht war Liebe, es war da nichts anderes als Liebe von äußerster Intensität. Mir wurden Informationen übermittelt auf einem Kommunikationsweg zwischen dem Licht und mir, und ich verstand alles, was mir gesagt wurde: Was das Leben bedeutet, warum wir geboren werden, Dinge von universaler Bedeutung – tiefgehend und doch einfach zu verstehen, wie etwas, das ich schon einmal wusste, dann aber vergessen habe. Es war der Himmel, mehr als Ekstase – eine Wiedervereinigung höchsten Grades."

Der zweite Bericht:
»Ich war todkrank, von Fieber geschüttelt, als ich im Krankenhaus eintraf. Meine Temperatur war auf über 40° gestiegen, und ich hatte Herzarhythmie und wahnsinnige Schmerzen. Meine Gebärmutterwand riss auseinander. Ich erlitt bei Einsetzen der Geburt einen septischen Schock. Die Wehen begannen. Während ich das Bewusstsein verlor, hörte ich noch eine Stimme rufen: >Ich krieg ihren Blutdruck nicht!< Und dann, im winzigsten Bruchteil einer Sekunde, befand ich mich außerhalb meines Körpers und war frei von Schmerzen. Ich hing oben an der Decke in einer Zimmerecke, blickte herab, sah Ärzte und Schwestern hin- und hereilen in ihrem Bemühen, mein Leben zu retten.

... Ich befand mich in einer Art Tunnel, wie von Wolken umschlossen, in einem grau schimmernden Licht, durch das ich zum Teil hindurchsehen konnte. Ich fühlte, dass Wind meine Ohren streifte, aber ich hatte keine Ohren. Ich war da, mein Körper aber nicht. Ich begann ein unglaubliches, warmes, goldenes Gefühl der Liebe zu spüren, und zugleich war dieses Gefühl ein wunderbares, warmes, goldenes Licht. Ich befand mich in diesem Licht, war ein Teil davon.

Da war eine Erscheinung in diesem Licht, eine Weisheit, und diese Weisheit war das endgültige Wort. Die Weisheit liebte mich und zugleich wusste sie alles über mich. Alles, was ich je getan und je empfunden hatte, war da, ich konnte es sehen. Ich wollte weitergehen in diesem Licht und für immer dort bleiben, aber mir wurde gezeigt, dass ich zurück musste, um für meine beiden Kinder zu sorgen.

Im selben Bruchteil einer Sekunde befand ich mich wieder in meinem Körper, litt wieder an diesen entsetzlichen Schmerzen. Mein Sohn wurde entbunden, und ich hörte wie alle schrien: >Sie ist wieder da!< Ich war außer mir und zornig, dem herrlichsten Frieden des Universums entrissen zu werden. Dann sagte man mir, dass mein Sohn tot zur Welt gekommen war.

Ich habe dieses Erlebnis für mich behalten, im Geist aber erlebe ich es jede Nacht neu, und das hat mich drei Dinge gelehrt: Sterben tut nicht weh. Ich werde nie wieder Angst vor dem Sterben haben. Zweitens: Ich weiß, wie wichtig es ist, sich selbst treu zu bleiben wie auch den anderen gegenüber, weil ich für mein Leben zur Rechenschaft gezogen werde, wenn es vorüber ist...

Und drittens: Ich weiß nun, dass der Tod kein Auslöschen ist. Ich weiß, dass ich mehr bin als mein Körper. Es gibt eine Seele, und die bin ich. Ich weiß, dass ich, meine Seele, immer existiere. Ich weiß absolut sicher, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.«


Unter dem zur Zeit vorhandenen Forschungsmaterial über Nah-Todeserfahrungen befindet sich auch eine Studie über HPBs (Helena Petrovna Blavatsky) Sicht dieser Dinge unter dem Doppeltitel »Ein Entwurf aus dem 19. Jahrhundert zur Deutung von Nah-Todeserfahrungen: Das überpersönliche Modell des Todes, dargestellt in Madame Blavatskys Theosophie«. Der Verfasser, Jean-Louis Siémons, ist Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Nah-Todesforschung (LANDS) und Professor der Biophysik am Institut National Agronomique in Paris. In seinem Aufsatz stellt Siémons die Frage: Was wusste die Wissenschaft im 19. Jahrhundert von Nah-Todeserfahrungen? und antwortet selbst: «Nur sehr wenig, abgesehen von ein paar Berichten von Menschen, die vor dem Ertrinken (und bei anderen Unfällen) gerettet wurden und die Madame Blavatsky in ihrem ersten Buch von 1877 aufführt. Ebenso war das Phänomen der Panoramasicht des Lebensablaufs unter bestimmten pathologischen Bedingungen (epileptische Aura) bekannt.«


Dr. Siémons führt als Quelle HPBs Aufsatz im Lucifer vom Oktober 1889, »Memory in the Dying«, an, aus dem er zitiert:

"In einem sehr alten Brief eines MEISTERS an ein Mitglied der Theosophischen Gesellschaft begegnet uns die interessante Schilderung der geistigen Verfassung eines Sterbenden:
»Im letzten Augenblick spiegelt sich das ganze Leben in der Erinnerung wider, aus allen vergessenen Winkeln und Ecken taucht, Bild für Bild, ein Geschehen nach dem anderen aus unserem Leben wieder auf. Das sterbende Gehirn entledigt sich der Erinnerung mit einem souveränen Impuls, und das Gedächtnis ruft getreulich jeden Eindruck wieder zurück, der ihm zur Zeit der Gehirntätigkeit eingeprägt wurde... Kein Mensch stirbt geistesgestört oder bewusstlos, wie manche Physiologen behaupten. Selbst als Verrückter oder in einem Anfall von Delirium tremens wird der Sterbende den Augenblick seines Todes in einem Moment vollkommener Klarheit erfahren, auch wenn er nicht imstande ist, es den Anwesenden mitzuteilen.

Oft ist der Mensch nur scheintot. Doch von seinem letzten Pulsschlag und zwischen dem letzten Schlag seines Herzens und dem Augenblick, da der letzte Funke von animalischer Wärme dem Körper entweicht, denkt das Gehirn, und das Ich erlebt in diesen wenigen kurzen Sekunden sein ganzes Leben noch einmal.«

Dieser Behauptung haben sich materialistische Wissenschaftler mehr als einmal widersetzt: Biologische und psychologische Erkenntnisse, behauptete man, widersprächen solchen Vorstellungen, und während Letztere keine gut untermauerten Daten bieten konnten, um diese Hypothese zu stützen, taten Erstere sie als reinen »Aberglauben« ab.

Mittlerweile macht selbst die Biologie Fortschritte, und so hören wir von ihren neuesten Errungenschaften: Vor nicht allzu langer Zeit ließ Dr. Ferré der Biologischen Gesellschaft in Paris einen sehr seltsamen Kommentar über den Geisteszustand Sterbender zukommen, der die obigen Zeilen in wunderbarer Weise bestätigte. Gerade auf dieses spezielle Phänomen des plötzlichen Wiederauftauchens von Lebenserinnerungen, Bild für Bild, auf den leeren Wänden des Gedächtnisses, aus all seinen lange vernachlässigten und vergessenen Winkeln und Ecken, lenkt Dr. Ferré die besondere Aufmerksamkeit der Biologen.

Im Schlüssel zur Theosophie schreibt HPB: "In dem feierlichen Augenblick des Todes sieht jeder Mensch, auch wenn der Tod plötzlich kommt, sein ganzes vergangenes Leben in den kleinsten Einzelheiten vor sich ausgebreitet... Aber dieser Augenblick genügt, um ihm die ganze Kette der Ursachen zu zeigen, die während seines Lebens wirksam waren. Er sieht und versteht sich selbst nun wie er ist, nicht beschönigt durch Schmeichelei und Selbsttäuschung. Er liest in seinem Leben und gleicht dabei einem Zuschauer, der in die Arena hinabblickt, die er soeben verlässt; er erkennt die Gerechtigkeit allen Leidens, das ihm zuteil wurde."

Dies beweist überzeugend, dass HPB über intime Kenntnisse der Einzelheiten von Nah-Todeserfahrungen verfügte, wie sie allgemein erst im 20. Jahrhundert bekannt wurden. Dr. Siémons verglich ihre Feststellungen mit modernen Fallbeispielen:

HPB: »Er liest in seinem Leben und gleicht dabei einem Zuschauer...«
»Ich beobachtete dies alles mit einer gewissen Gelassenheit. Ich hatte das Gefühl, als blickte ich von draußen auf eine Wiederholung [sic] meines Lebens, die sich vor mir abspielte.«
»....ich sah mein ganzes Leben in vielen Bildern wie auf einer Bühne in einiger Entfernung von mir ablaufen.« HPB: »...gleich einem Zuschauer, der in die Arena hinabblickt, die er soeben verlässt.«
»Ich spielte mein Leben, als wäre ich ein Schauspieler auf einer Bühne, auf die ich vom allerobersten Rang im Theater hinabblickte; Held und Zuschauer zugleich, war ich gleichsam verdoppelt.«
HPB: »Er sieht und versteht sich selbst nun wie er ist, nicht beschönigt durch Schmeichelei und Selbsttäuschung.«
»Also, ich sah ein paar gute Dinge, die ich getan, und etliche Fehler, die ich begangen hatte, die ich nun zu verstehen suchte.«
»Manche Menschen sehen hierin eine erzieherische Maßnahme des Lichtwesens.«
»Das Wesen stellte mir ungefähr folgende Frage: >Was hast du mit deinem Leben angefangen, das du mir vorzeigen könntest?< Was als Gegenleistung erwartet wurde ... war eine Selbstprüfung, das ganze Leben sollte in Frage gestellt werden.«
HPB: »Aber dieser Augenblick genügt, um ihm die ganze Kette der Ursachen zu zeigen, die während seines Lebens wirksam waren.«
»Es war wie: >Okay, hier siehst du, warum du den Unfall hattest. Hier siehst du, wie es passierte. Aus diesem und jenem Grund ... alles hatte mit Sicherheit seinen Sinn.«

Das große Problem der Nah-Todesforschung besteht in der Identifizierung des »Lichtwesens«. In der Theosophie sieht man in diesem Wesen das eigene Höhere Selbst. HPB zufolge ist dieses praktisch allwissend. Siémons bemerkt dazu:

"In ihren Bemühungen, dieses Lichtwesen zu beschreiben, bedienen sich die Sterbenden der verschiedensten Etikettierungen, bezeichnen es als Gott, Christus, Engel, Führer ... Angesichts ihrer völligen Unkenntnis der (spirituellen) Psychologie können sie offensichtlich kaum bessere Termini finden, um auf verständliche Weise diese unerwartete Begegnung mit ihrem eigenen individuellen Ego-Selbst zu beschreiben, das »alles über sie zu wissen« schien; das ihnen »vollkommene Liebe und tiefstes Verständnis entgegenbrachte« und mit ihnen eine Art intimen »persönlichen« Austausch pflegte.

Und das aus sehr guten Gründen – im Licht der Theosophie – wenn wir bedenken, dass dieses Ego seiner irdischen Persönlichkeit nicht fremd ist, sondern an dessen Geschick »interessiert« bleibt: Von der Geburt bis zu seinem Tod sinnt diese überpersönliche Individualität über... ihren irdischen Stellvertreter (oder ihre Ausstrahlung) nach, registriert sein Verhalten und inspiriert ihn mit eigenem Wissen und eigener Energie mit Hilfe der ungesprochenen Sprache der Intuition, der Träume usw.

Diese theosophische Interpretation findet Bestätigung durch Kenneth Ring, Psychologieprofessor an der Universität von Connecticut:
"Moody spricht von einem »Lichtwesen«, und obwohl keiner der von uns Befragten diesen Ausdruck benutzte, schienen einige sich einer »Anwesenheit« (oder einer »Stimme«) in Verbindung mit dem Licht bewusst zu sein.