ENTWICKLUNG DES MENSCHEN

ÜBERBLICK

Der Mensch trägt in sich eine tiefe Sehnsucht nach Glück, Zufriedenheit, Frieden, Geborgenheit, Sicherheit – nach einer inneren Heimat. Sein ganzes Leben ist letztendlich darauf ausgerichtet, so wie die Pflanzen immer bestrebt sind, sich nach dem Licht auszurichten.

Doch alle Formen und Schöpfungen in unserer Welt existieren nur für eine bestimmte Zeit, bevor sie wieder verschwinden und sich auflösen. Dauerhaftes Glück und immerwährende Zufriedenheit sind hier nicht zu erreichen. Das ist die schmerzliche und leidvolle Erfahrung der Menschen.

Wenn wir also unser "Gutes" nicht außen finden können, wo müssen wir dann weitersuchen?

Weil die Welt eine duale, polare ist, gibt es zunächst die großen, übergeordneten Gegensätze von Geist und Materie. Geist stellt den Plan und die Absicht, den Hintergrund und Zweck, das Leben und die Lebensenergie dar, während die vielen Formen der materiellen Welt dies alles zum Ausdruck bringen – doch steckt in jeder Form, in jedem kleinen Atom bis hin zum größeren "menschlichen Atom", zu Planeten und Sternen, das Leben und Bewusstsein der geistigen Ausgangsquelle. Jede Form trägt daher in sich einen Zweck, eine Absicht, einen kleinen Teil des Schöpfungsplanes. (Auch die "Schöpfungen" des Menschen gestalten sich nach seinem ureigensten "geistigen" Plan, seinen Wünschen und Absichten – ob er sich dessen bewusst ist oder nicht.)

So trägt der Mensch in sich einen geistigen Teil, der verborgen in dem steckt, was wir eine Persönlichkeit nennen. Diese Persönlichkeitsform hat sich entwickelt aus Erlerntem und Erfahrenem und bildet einen Wall, eine Mauer, einen Mantel um den geistigen Kern, den eigentlichen Menschen, den "immanenten Gott", den Sohn, die Seele, den Christus, das Christusbewusstsein.

Mit Hilfe des so erworbenen Werkzeugs, dem "Mantel der Persönlichkeit", können wir in der äußeren Welt keine dauerhaft zufriedenstellenden Möglichkeiten schaffen, kaum Glück und Zufriedenheit finden. Sind wir all dessen müde und auch deprimiert oder verzweifelt, so bleibt nur die Möglichkeit, sich der inneren Welt zuzuwenden, um dort endlich die ersehnte Heimat zu finden.

Wollen wir uns wirklich auf den Weg machen, so können wir uns wie in der Geschichte vom Schlaraffenland durch die Umgebungs-Mauer aus Reisbrei hindurchfressen – eine halb anstrengende, halb lustvolle Arbeit, denn dahinter wartet ja eine "paradiesische", eine bessere Welt auf uns.

Viele erprobte Vorgehensweisen gibt es, um überhaupt bis an den Fuß des Reisbergs zu gelangen, und auch den passenden Löffel müssen wir uns zuvor noch besorgen.

Stellen wir uns vor, wir hätten es schon geschafft und ständen in diesem wundervollen Land. Die Geschichte malt es bis ins Detail aus, was da auf den Glücklichen alles wartet.

Es sind Vorstellungen von handfesten irdischen Dingen, doch geht es im Grunde um die Aussage, dass alles Notwendige bereitstehe: Für Nahrung, Kleidung, Auskommen ist gesorgt, man kann in Ruhe und Beschaulichkeit leben, wozu aus irdischer Sicht natürlich auch das Verbot zu arbeiten gehört und die Belohnung, König zu werden.

Wird die Geschichte als symbolische Aussage genommen, so kann die Mauer aus Reisbrei rasch der eigenen Mauer der Persönlichkeit zugeordnet werden. Die Welt hinter der Mauer beschreibt die innere geistig-seelische Welt, in der sich alles mühelos in der richtigen Weise ergibt – wenn es gelingt, dort hinzufinden und auch ständig dort zu sein. Arbeit im Sinne der materiellen Welt gibt es dort nicht, doch wird jeder Bürger des "Schlaraffenlandes" die dort in seiner "Beschaulichkeit" (dem Kontakt mit seiner Seele) gefundenen Ideen außerhalb der Mauer zu verwirklichen suchen, denn er kann nun durch diese Lücke (auf diesem Weg) nach Belieben hinein und hinaus gelangen. Er lebt jetzt in zwei Welten. König ist er geworden, weil er seine Persönlichkeits-Mauer durchbrochen hat.


Leicht abgewandeltes Zitat aus dem Kommentar zu einer schriftlichen Aufgabe:

"Die tiefe Sehnsucht nach der Seele ist etwas, was uns allen gemeinsam ist. Und noch etwas ist uns allen gemeinsam (was wir aber infolge irrigen Denkens oft nur schwer annehmen und daher häufig nicht glauben): Wir haben diesen Schritt schon vollzogen, wir sind bereits bei der Seele angelangt, weil wir die anfangslose Seele sind, die kein Ende kennt. Wir leben tatsächlich schon in der Fülle des 'Wir'.

…Wir sind schon DAS - was wir jedoch in unseren persönlich gefärbten Momenten nicht länger glauben zu sein, denn in diesen Momenten nehmen wir unser Einzel-Ich zu wichtig und geben der Getrenntheit und Absonderung den Vorzug, indem wir uns mit dem persönlichen Ich identifizieren und aus diesem heraus die Dinge zu vollbringen suchen.

Letztendlich jedoch sind wir bereits, was wir zu sein versuchen. Und aus diesem Doppel-Gewahrsein heraus gilt es den Alltag zu leben, unbekümmert gegenüber den Erscheinungen (Menschen, Situationen), der Zeit, dem Vergänglichen und den äußerlich wahrnehmbaren Gegensätzen. Dazu kommt die Gewissheit um das schon immer dagewesene seelische Selbst (ungeboren, unsterblich und ewig in seinem Wesen) sowie der Ausdruck dieser unerschütterlichen Gewissheit im konkreten Alltag."


Dazu Aussagen des japanischen Zen-Meisters Bankei Eitaku (1622 – 1693)

"Das Ungeborene ist nicht etwas, das durch Disziplin erreicht oder erlangt wird. Es ist nicht eine Beschaffenheit des Geistes oder religiöse Ekstase; es ist dort, wo du stehst, makellos so, wie es ist. Alles, was du tun musst, um es zu erkennen, ist, du selbst zu sein, genau wie du bist; zu tun, genau was du tust, ohne Kommentar, Befangenheit oder Urteil."
(Sich nach innen wenden, sich nicht mit persönlichem Wünschen und Wollen identifizieren.)

Als ein Bauer von seiner Tendenz zu Wutausbrüchen sprach:
"Du machst dich innerlich zu einem erstklassigen Tier… Du musst daher zu einem Verständnis kommen, wie man den Buddha-Geist nicht in etwas anderes verwandelt … Bis du ihn verwandelst, lebst du eben so, wie du bist – im ungeborenen Buddha-Geist; du bist nicht verblendet oder unerleuchtet. In dem Augenblick, in dem du ihn zu etwas anderem machst (wie z. B. Zorn), wirst du zu einem unwissenden und verblendeten Menschen… Indem du dich erregst und dich selbst voranstellst, verwandelst du deinen Buddha-Geist in einen kämpferischen Geist – und fällst damit in eine verblendete Existenz, die du selbst geschaffen hast."