Einmal fing ein Bär einen Fisch. Er hielt ihn in der Hand und sah, dass der Fisch ununterbrochen sein Maul auf- und zumachte, als wolle er etwas sagen.

„Oh“, dachte der Bär, „das ist sicher ein Zauberfisch, der reden kann. Bloß dumm, dass ich die Fischsprache nicht verstehe.“ Der Bär überlegte, was der Fisch ihm wohl sagen wollte. „Na ja“, dachte er, „wenn er ein Zauberfisch ist, dann verspricht er mir sicher große Schätze oder drei Wünsche, wenn ich ihn wieder schwimmen lasse – genau wie in dem Märchen vom – na egal.

Also warf der Bär den Fisch in hohem Bogen zurück ins Wasser, sagte, dass er schon immer eine komfortable Bärenhöhle haben wollte und wartete. Und richtig, der Fisch klappte noch ein paarmal sein Maul auf und zu, wedelte mit dem Schwanz und tauchte dann unter.


Und was sage ich euch! Als der Bär zu seiner Höhle kam, staunte er nicht schlecht: Alles, was er sich schon immer erträumt hatte, war da und nicht das Geringste fehlte. Zufrieden rieb er sich die Hände. Nach ein paar Wochen dachte er, es könne wohl nichts schaden, wenn er einen kleinen Spaziergang zum Wasser machen würde. Vielleicht – es könnte ja durchaus sein – wäre der Fisch zufällig auch da, und er könne ja mal bescheiden fragen, ob ...

Und so geschah es. Der Bär wanderte erwartungsvoll zum Wasser – aber weit und breit kein Fisch. Weil er schon mal da war, sprach er eben das Wasser an, denn er dachte, es sei ja sowieso ständig unterwegs und würde seinen Wunsch schon an die richtige Adresse weiterleiten.


Und so kam es, daß der Bär bald darauf ein eigenes Jagdrevier besaß mit allen Schikanen. War das eine Aufregung und eine Freude! Der Bär kam sich ganz königlich vor zwischen seinen eigenen Bäumen, Pilzen, Beerensträuchern und Moospolstern.

Doch die Freude währte nicht allzulange. Der Bär fand, dass er zwar viele schöne Dinge besäße, dass es aber noch vieles andere gäbe, das vielleicht sogar noch schöner wäre. So beschloss er, mal kurz beim Fisch vorbeizuschauen und zu sehen, was sich machen ließe. Denn für den Fisch wäre sowas, wie man ja gesehen habe, geradezu ein Klacks.

Der Fisch war wieder nicht zu Hause und so unterbreitete der Bär wieder dem Wasser seine Überlegungen.

„Sieh mal“, sagte er, „reich bin ich ja. Aber so richtig befriedigt mich das auch nicht.“ Ansehen müsste man haben. Und Ehre. Und einen wichtigen Job.“ Und dann sagte er, dass er gern König aller Bären werden wollte – wenn es sich irgendwie machen ließe.

Und was soll man sagen! Er wurde es. Und er saß da mit der Krone auf dem Kopf und regierte alle Bären.


Es war noch nicht viel Zeit vergangen, da stand er schon wieder am Wasser und ging lamentierend am Ufer auf und ab.

„Diese Kerle“, sagte er. Diese Kerle hätten doch glatt eine Verschwörung angezettelt, eine Palastrevolution oder so was ähnliches, was solle er bloß machen und so einfach sei das Königsein auch wieder nicht. Er bräuchte dringend ein Gewehr mit Munition, er werde den Kerlen schon Staatsräson beibringen! Und der Fisch solle, bitteschön, so prompt liefern wie gewohnt, denn es sei äußerst wichtig. Staatssicherheit, Alarmstufe Eins.


Das konnte ja nicht gut gehen! Und es ging auch nicht gut. Schreckliches geschah, mit Lärm und Schreien und Blut, so rot.

Der Bär lag schluchzend am Wasser. Wild war sein Schmerz über das, was er einmal besessen hatte und was er einmal war. Alles aus und vorbei.

Nach dem Schmerz kam die Wut, und nach dem Grollen das Schmollen. Und dann setzte er sich auf einen nahen Stein und begann zu denken. Tief dachte der Bär nach und lange.


Er dachte, dass ein wunscherfüllender Zauberfisch auch nicht das Wahre sei. Jeden Wunsch hatte er erfüllt, ja, aber nie wurde er richtig satt davon. Das Wünschen ist immer weiter und weiter gegangen. Und alles wurde immer schwieriger, denn kaum hatte er zum Beispiel die neue Pilzzuchtfarm, so brauchte er dafür Pilzpflanzer, Pilzpfleger, Pilzabschneider, Pilzverkäufer und Pilzköche. Und dann diese schreckliche Revolution! Ja. Und so geht das einfach nicht! Und überhaupt.

Als er zu diesem Schluss gekommen war, merkte er, dass er Hunger hatte. Und weil er schon mal am Wasser war, beschloss er, sich einen Fisch zu fangen.

„Ha“, sagte der Bär, als er ihn hatte. „Diesmal fresse ich dich – ob Zauberfisch oder nicht –

und zwar mit dem Kopf voran.“

Es war der Zauberfisch. Und weil er ein Zauberfisch war, wurde er auch nicht einfach im Magen verdaut, sondern begann im Bären drin gewaltig zu wachsen.

Fast neun Monate lang lief der Bär mit dem Fisch in sich herum. Der Fisch verwuchs immer mehr mit dem Bären – oder der Bär mit dem Fisch – genau lässt sich das nicht sagen.

Schließlich war der Bär so voller Zauberfisch-Kraft, dass er selbst ein Fisch geworden war, ein Bärenfisch sozusagen.

Und der kümmerte sich überhaupt nicht mehr um das Wasser, es sei denn, dass er Hunger hatte. Denn dann aß er manchmal Fisch – manchmal etwas anderes, je nachdem.

Seine Fischkraft war einfach fantastisch! Sie machte ihn stark und weise. Sie ließ ihn die Sprachen aller Lebewesen verstehen, ob Stein oder Stern. Sie brachte ihn immer dort hin, wo er gebraucht wurde oder wo etwas war, das er selbst gerade brauchte.


Und so kam es, dass er ohne Sorgen und voller Freude lebte – bis an sein Lebensende.